Fotostory: „Ist das wirklich Europa?“ - Geschichten von Geflüchteten
Mehr als 1.100 Menschen leben in dem Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Samos. Durch das EU-Türkei-Abkommen, das vor einem Jahr im März 2016 von den EU-Staats- und Regierungschefs verabschiedet wurde, sitzen sie teilweise seit Monaten dort fest. Die Menschen wissen nicht, wie es weitergeht. Vielen von ihnen geht es emotional sehr schlecht. Sie wollen nur ihre Familienangehörigen wiedersehen, die irgendwo anders in Europa sind. Hier erzählen sie über ihre Flucht und das Leben im Lager:

Meine Familie kam aus Palästina und floh 1948 in den Libanon. Dort kam ich in einem Flüchtlingslager nahe Beirut zur Welt und wuchs arm auf. Wegen des Krieges 1982 mussten wir dann aus dem Libanon fliehen. So kam ich ins Yarmouk-Flüchtlingslager nahe Damaskus in Syrien. Ich heiratete, und das Leben war gut bis zum Kriegsausbruch. Yarmouk geriet unter Belagerung und wir verhungerten fast. Vor fünf Monaten floh ich von dort. Ich versuchte vier Mal, die Grenze zur Türkei zu überqueren. Türkische Grenzschützer schossen auf uns und ich hatte große Angst. Irgendwann habe ich es geschafft. Nach fünf Versuchen kam ich dann auf ein Schlauchboot nach Europa. Ich dachte, ich müsse auf dem Meer sterben. Das Boot ging kaputt und wir gaben alles, damit es nicht unterging. Am 10. Oktober kam ich auf Samos an. Seitdem lebe ich auf mich allein gestellt in einem Zelt. Ich weiß nicht, ob und wann meine Kinder, mein Mann und ich je wieder zusammen sein werden. Der Tod hat mich mein ganzes Leben verfolgt, im Libanon, in Yarmouk, auf dem Meer. Hier in Samos fühle ich mich, als sei ich innerlich schon tot. Ich weine jeden Tag in meinem Zelt, aber niemand hört mich.

Es ist schwer vorstellbar, dass wir trotz allem, was wir durchgemacht haben, noch am Leben sind. Wir gehörten zu den Tausenden Menschen, die im Dezember 2016 evakuiert wurden. Um in die Türkei geschmuggelt zu werden, haben wir all unsere Ersparnisse ausgegeben. Dann schafften wir es auf ein Boot nach Samos. Hier angekommen brauchten wir zehn Stunden, um zu Fuß einen Berg zu überqueren, ganz ohne Nahrung und Wasser. Meine Frau Maha und ich hatten jeder eines unserer Kinder mit Schals an den Körper gebunden. Als wir nicht mehr konnten, mussten wir die Taschen voller Kleidung, Fotos und Erinnerungen zurücklassen, um unsere Kinder weiter tragen zu können.
Als ob die Erlebnisse nicht genug gewesen seien, geht unser Leid hier weiter. Manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, wenn ich in Aleppo gestorben wäre. Meine Kinder kennen im Leben nichts anderes als Hunger und Belagerung.
Ich will nur, dass meine Kinder das Notwendigste zum Überleben haben. Sie brauchen nicht wie Europäer zu leben – das Notwendigste reicht. Salem, einer meiner älteren Jungen, hat mich vor kurzem gefragt: „Ist das wirklich Europa? Ich wünschte, es gebe Mitgefühl auf der Welt.“

Ich floh in den Irak, aber auch dort war ich nicht sicher. 2016 beantragte Teheran meine Auslieferung. Für mich als Kurden ist die Türkei ebenfalls kein sicherer Ort. Ich konnte nirgendwo mehr hin als nach Europa.
Als ich im September 2016 nach Samos kam, fühlte ich mich wie ein Vogel, der endlich aus seinem Käfig gelassen wurde. Ich träumte davon, den Rest meines Lebens in einem demokratischen Land zu verbringen, in denen Menschenrechte respektiert werden. Doch nur 24 Stunden nach meiner Ankunft wusste ich, dass ich nur von einem Käfig in den nächsten gekommen bin.Jetzt lebe ich in einem Ein-Mann-Zelt. Ich habe Kleidung, einen Heizkörper, um mich warm zu halten und um Brot aufzuwärmen. Und ein Spielzeug, das mich an meine Kinder erinnert. Außerdem habe ich meine Träume und Erinnerungen in meinem Kopf.
Man könnte Samos das schönste Gefängnis der Welt nennen. Es ist eine hübsche Insel, das Wetter ist toll. Aber all das ist nur für die Touristen. Für uns ist Samos ein Internierungslager. Ich wünschte, die Menschen würden verstehen, dass niemand sein Land für ein bisschen Saft und Kekse verlässt. Ich kann nicht zurück, darf aber auch nicht vorwärts gehen. Alles was ich jetzt tun kann, ist hoffen – aber hoffen auf was? Ich träume davon, irgendwann wieder mit meiner Familie vereint zu sein. Ich bin es leid, zu fliehen.

Ich weiß nicht, wie lange ich noch hier sein werde. Ich hatte meine Anhörung zum Asylantrag noch nicht und weiß auch nicht, wann sie sein wird. Es ist sehr schwer, hier zu sein, ohne zu wissen wie lange man noch durchhalten muss. Sie sagen uns immer wieder: „Du musst warten, du hast keine Wahl.“ Falls wir versuchen würden, illegal von hier fortzugehen, würden wir gefangen, geschlagen und ins Gefängnis geworfen. Das ist nicht, was ich erwartet habe. Ich wollte mir eine Zukunft aufbauen. Ich will nützlich sein und Menschen helfen. Ich will auf die Universität gehen und meiner Familie helfen, die immer noch in Gefahr in Pakistan lebt. Sie glauben an mich.

Wir haben nicht erwartet, so behandelt zu werden. Die Nahrung ist ungenießbar. Und so gehe ich jeden Tag 12 Stunden an den Hafen, um meinen Kopf freizukriegen und um zu fischen. So kann meine Familie etwas Anständiges essen. Meine Kinder fragen mich jeden Tag, warum wir hergekommen sind. Sie sagen, das Leben zu Hause wäre besser gewesen. Für mich sind alle Optionen schlecht – entweder sind wir Gefangene hier, oder wir wären zuhause umgebracht worden.
Mein 18-jähriger Sohn hat Asthma, und es geht ihm psychisch nicht gut. Vergangenen Monat hat er sich mit einem Messer geschnitten und gesagt: „Ich will hier nicht leben.“ Auch meine Töchter sind depressiv. Wie in allen Gefängnissen der Welt lassen uns die Lagerverantwortlichen auch hier nicht mit Journalisten sprechen. Sie wollen nicht, dass jemand erfährt, wie schlimm es hier ist. Als wir einmal für bessere Lebensbedingungen und Essen protestiert haben, hat uns die Polizei geschlagen. Es fühlt sich so an, als würden wir außer Sichtweite gehalten, sodass alle so tun können, als würden wir gar nicht existieren.

Im November 2015 floh ich in die Türkei, um mir dort ein Leben aufzubauen. Ich fand Arbeit, aber es war sehr schwierig als Illegaler ohne Papiere. Ich hatte keine Wahl und musste dorthin gehen, wo ich eine Zukunft hatte. Ich überquerte das Meer und kam glücklich im Oktober 2016 auf Samos an. Es ist sehr schwer, auf so einer kleinen Insel festzusitzen, nachdem man immer ein freier Mensch gewesen ist. Fünf Monate Internierung sind eine lange Zeit. Jeder, der behauptet, dass wir nicht festgehalten werden, sollte es sich selbst ansehen kommen: Wir dürfen die Insel nicht verlassen. Es ist wie unter Hausarrest. Wir dürfen uns nicht immer frei auf der Insel bewegen und wir dürfen nicht Teil der Bevölkerung hier sein.
Wir Flüchtlinge werden nicht wie normale Menschen behandelt. Ich bin wirklich deprimiert und enttäuscht darüber. Es ist, als ob wir Menschen zweiter Klasse wären. Manchmal wünschte ich, ich sei tatsächlich ein Gefangener, denn dann hätte ich immerhin ein Entlassungsdatum. Hier wissen wir nicht, wie lange wir noch bleiben werden. Wir sind frustriert, gebrochen, hoffnungslos – und unser einziger Traum ist die große Fähre nach Athen, um diesen Ort zu verlassen.

Ich habe nicht erwartet, dass es hier in Griechenland so schwer werden würde. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich wahrscheinlich nie gekommen. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber es ist total erniedrigend. Mein Leben im Libanon war schwer, aber hier ist es noch schlimmer. Die Verantwortlichen erniedrigen uns. Sie schreien uns an. Niemand hört uns zu. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Ich bin erschöpft.
Ich komme manchmal an den Hafen, um meinen Kopf frei zu kriegen. Doch wenn die Polizei mich sieht, schickt sie mich zurück ins Lager. Sie schreien mich an und schubsen mich. Wie lange muss ich noch so leben? Die Menschen betrachten mich, als ob ich etwas falsch gemacht hätte. Es ist sehr schwer. Mein ganzes Leben lang wurde ich erniedrigt. Ich komme hier her und werde wieder erniedrigt. Warum?

Die Schwierigkeit ist die Ungewissheit. Wenn die Behörden uns einfach sagen würden, dass wir zum Beispiel noch ein Jahr in Griechenland bleiben, dann wäre ich zufrieden. Aber niemand kann so leben, in einem Hotelzimmer, ohne zu wissen, was die Zukunft bringt. Wir sind sehr erschöpft. Syrien ist unsicher und wir haben dort kein Leben mehr. Was können wir machen? All unsere Träume wurden zerstört. In Homs machte ich eine Ausbildung zur Friseurin, aber der Krieg hat meine Pläne zunichte gemacht. Ich dachte, dass ich vielleicht in Europa Friseurin werden könnte. Aber es scheint so, als ob wir auch hier keine Zukunft haben.
Wir können nirgendwo hin. Wir stecken fest. Jeder Tag, der in Griechenland vergeht, fühlt sich wie ein Jahr an. Wir haben das Zeitgefühl verloren, vor lauter Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit.