Die aktuelle Situation in Gaza
Seit dem 19. Januar 2025 gilt eigentlich ein Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und der Hamas – nach schweren israelischen Angriffen auf den Gazastreifen seit dem 18. März 2025 behandeln unsere Teams Verletzte in mehreren Krankenhäusern.
Die Menschen in Gaza leben seit Oktober 2023 unter den katastrophalen Bedingungen des Krieges. Mehr als 45.000 Menschen wurden getötet und mehr als 107.000 Menschen verletzt (Gesundheitsministerium im Gazastreifen, Stand 17.12.2024). Fast alle medizinischen Einrichtungen wurden zerstört oder beschädigt und teilweise durch weniger wirksame, improvisierte Strukturen ersetzt. Insgesamt sind mehr als 90 Prozent der Bevölkerung im Gazastreifen vertrieben worden, zum Teil mehrfach.
Nach wie vor sind die Menschen in Gaza dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen. Langfristig reicht eine temporäre Waffenruhe nicht aus – der Waffenstillstand muss nachhaltig und stabil sein. Die Menschen brauchen die Möglichkeit, ihr Leben wieder aufzubauen und Raum für ihre Trauer um die Getöteten und alles, was sie in diesem Krieg verloren haben.
So helfen wir
- Wir leisten im Gazastreifen Notfallchirurgie, versorgen Verletze, bieten Physiotherapie, medizinische Grundversorgung und Geburtshilfe sowie psychosoziale Unterstützung an.
- Wir konnten seit Beginn des Krieges 76 Lastwagen mit Medikamenten, Hilfsgütern und medizinischem Material in den Gazastreifen bringen.
- Im Gazastreifen stellen wir Trinkwasser, Sanitäranlagen und Hygiene-Kits bereit.
- Im Westjordanland versorgen wir Notfälle, spenden medizinische Güter und unterstützen psychologisch.
Ärzte ohne Grenzen ist seit 1989 in den Palästinensischen Gebieten aktiv – im Gazastreifen sowie im Westjordanland.
Unsere Hilfe in Zahlen
Die Zahlen beziehen sich auf unsere Aktivitäten in den palästinensischen Gebieten im Zeitraum von Oktober 2023 bis Mitte Dezember 2024
Notfallchirurgie
Wir haben 9.979 Operationen realisiert.
Ambulante Versorgung
Wir haben 479.651 ambulante Konsultationen ermöglicht.
Schwangerschaftsvorsorge
Wir haben 34.557 vorgeburtliche Beratungen geleistet.
Stationäre Behandlungen
Wir haben 22.358 Patient*innen stationär versorgt.
Trinkwasserversorgung
An mehr als 64 Orten verteilen wir täglich mehr als 732.000 Liter Trinkwasser (Stand: Nov. 2024).
Sanitäranlagen
Wir haben 324 Latrinen in 19 Vertriebenen-Camps eingerichtet sowie Hygiene-Kits verteilt.
Eine humanitäre und medizinische Katastrophe
Aktuell ist kein einziges Krankenhaus im Gazastreifen mehr voll funktionsfähig. Von 36 Einrichtungen sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) nur noch 21 (teilweise) in Betrieb und vollkommen überlastet. Das medizinische Personal ist erschöpft. Die Bedingungen, unter denen Patient*innen versorgt werden müssen, sind katastrophal. Die meisten Krankenhäuser haben keinen Strom und kein fließendes Wasser mehr. Viele Gebäude sind beschädigt oder zerstört. Die Beschränkungen und Hindernisse für die Einfuhr von Hilfsgütern durch die israelischen Behörden führen zu einer kritischen Knappheit an Medikamenten, Nahrungsmitteln und Wasser. „Der Mangel hat ein solches Ausmaß erreicht, dass wir gezwungen sind, Patient*innen in einigen Einrichtungen abzuweisen”, berichtet unsere Nothilfekoordinatorin Caroline Seguin.

Bericht: "Todesfalle Gaza"
In unserem am 19. Dezember 2024 veröffentlichten Bericht "Todesfalle Gaza" zeigen wir das extreme Ausmaß der Zerstörung (Publikation auf Englisch).
Die Bedingungen, unter denen unsere Mitarbeiter*innen arbeiten, sind extrem herausfordernd und gefährlich. Es wurden bereits 9 unserer Kolleg*innen sowie mehrere ihrer Angehörigen getötet - zum Teil während sie sich in klar mit unserem Logo gekennzeichneten Unterkünften befanden oder im Krankenhaus arbeiteten. Wir sind entsetzt und trauern um diese Menschen. Insgesamt mussten wir seit Beginn des Krieges 17 Gesundheitseinrichtungen aufgrund extremer Gewalt verlassen. Unsere Teams mussten 41 gewalttätige Vorfälle erdulden, wie zum Beispiele Luftangriffe, die Krankenhäuser beschädigten oder Bodenangriffe auf medizinische Einrichtungen. Diese Ereignisse sind vollkommen inakzeptabel und machen es nahezu unmöglich zu helfen.
Wir fordern
- Wir verurteilen die Entscheidung der israelischen Regierung, Hilfslieferungen in den Gazastreifen auszusetzen. Die Lieferung humanitärer Güter sowie medizinische Evakuierungen und insbesondere der Zugang zum Norden müssen möglich sein. Alle Konfliktparteien (Israel, Hamas und bewaffnete palästinensische Gruppen) müssen davon absehen, die Lieferung von Hilfsgütern zu behindern, und dafür sorgen, dass humanitäre Hilfe sicher zu den Menschen gelangen kann.
- Der Waffenstillstand muss dauerhaft eingehalten werden, um humanitäre Hilfe und medizinische Versorgung für die Menschen bedingungslos sicher zu gewährleisten.
- Alle Kriegsparteien müssen sich an das humanitäre Völkerrecht halten. Zivilist*innen müssen geschützt werden. Die systematischen Angriffe auf medizinische Einrichtungen und Personal müssen aufhören. Krankenhäuser dürfen nicht militärisch genutzt und nicht angegriffen werden.
Die psychische Belastung ist immens
Unsere Mitarbeiter*innen im Gazastreifen haben seit Oktober 2023 mehr als 31.000 Menschen psychosozial beraten. Eine dieser Mitarbeiter*innen ist die Kinderpsychologin Katrin Glatz Brubakk. Sie hat vor Ort gesehen, welche gravierenden Auswirkungen die Situation auf die Menschen – insbesondere auf Kinder – hat, und sagt: „Jeder und jede im Gazastreifen ist von diesem Krieg betroffen. Es gibt niemanden, der nicht erlebt hat, wie Freunde oder Verwandte verwundet oder getötet wurden. Und die Menschen im Gazastreifen können vor diesem Krieg nicht fliehen, denn Sicherheit gibt es im Gazastreifen nirgendwo.“
Hinzu kommt, dass es im Gazastreifen einfach an allem fehlt, auch an einer Vorstellung von der Zukunft. Für viele Menschen ist nicht nur die Gegenwart - die Bomben, die Kämpfe und die Trauer – eine große Qual, sondern auch die Leerstelle: Was wird danach kommen?
Die Menschen leben in ständiger Angst und sind traumatisiert. Am stärksten leiden die Kinder. Einige ziehen sich vollständig zurück und verstummen, andere geraten durch Kleinigkeiten in Panik. Der ständige Stress und die ständige Retraumatisierung wirken sich auf ihre Entwicklung aus und haben sicher für viele Betroffene Folgen, die sie ein Leben lang nicht loswerden.“
-Kathrin Glatz Brubakk, Kinderpsychologin von Ärzte ohne Grenzen
In Projekten im Gazastreifen und im Westjordanland bieten wir verschiedene Formen psychologischer und psychosozialer Hilfe an. Dazu gehören psychologische Erste Hilfe sowie Einzel- und Gruppensitzungen.
Podcastfolge: Geborgenheit schaffen inmitten von Gewalt - als Kinderpsychologin im Einsatz
„Es ist die stille Katastrophe, in der ich als Kinderpsychologin arbeite “, sagt Katrin Glatz Brubakk. Sie war mit uns bereits mehrfach im Einsatz, darunter im Gazastreifen und im Geflüchtetencamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Katrin Glatz Brubakk diskutiert mit den Co-Moderator*innen, wie Kinder auf traumatische Erlebnisse reagieren und worauf man bei ihrer Behandlung achten muss.
Unsere Hilfe im Westjordanland
Unsere Mitarbeitenden arbeiten in Hebron, Nablus, Tulkarem, und Dschenin. Sie bieten unter anderem Notfallversorgung, medizinische Grundversorgung und psychosoziale Hilfe an. Sie berichten, dass auch im Westjordanland die Gewalt seit Kriegsbeginn zugenommen hat. Auch Ambulanzen und medizinische Einrichtungen werden blockiert oder angegriffen.
Lesen Sie mehr dazu in diesem Bericht.
Grundprinzipien unserer Arbeit
Wir haben auch israelischen Krankenhäusern Unterstützung angeboten, die eine hohe Zahl von Verletzten behandeln. Gemäß unserer Charta leisten wir dort medizinische Unterstützung, wo Menschen keinen ausreichenden Zugang zu einer angemessenen medizinischen Versorgung haben, unabhängig von ihrer Herkunft, politischen Überzeugung oder ethnischen Zugehörigkeit. Als unabhängige medizinische Hilfsorganisation verpflichten wir uns der medizinischen Ethik und den humanitären Prinzipien der Unabhängigkeit, Neutralität und Unparteilichkeit.
Unabhängigkeit
Wir helfen Menschen in Kriegs- und Krisenregionen, unbeeinflusst von politischen, militärischen oder sonstigen Interessen. Dies ist auch deswegen möglich, weil wir unsere Arbeit fast ausschließlich durch private Spenden finanzieren.
Unparteiliche Behandlung
Die medizinische Ethik und das Maß der Not der Menschen bestimmen unser Handeln. Herkunft, politische Überzeugungen oder Glaubenszugehörigkeit spielen dabei für uns keine Rolle.
Neutralität
Wir beziehen in Konflikten keine Stellung und leisten auf allen Seiten Hilfe, wenn diese notwendig ist und es die Lage zulässt. So schaffen wir Vertrauen und Akzeptanz für unsere Arbeit.
Zuletzt aktualisiert am 25. März 2025